Die Gebäude von morgen stehen längst
Ein Interview mit Andreas Engelhardt, CEO und persönlich haftender Gesellschafter der Schüco International KG.
Seit 2012 prägt er die strategische Ausrichtung des Unternehmens und begleitet Schüco durch eine Phase tiefgreifender Transformation in der Bau- und Immobilienbranche.
neext: Bevor wir in die fachlichen Themen einsteigen: Wie war Ihr Weg zur Schüco International KG? Welche Stationen waren für Sie prägend und was begeistert Sie heute an Ihrer Rolle und an der Branche?
Andreas Engelhardt: Bevor ich 2012 bei Schüco die Geschäftsleitung übernommen habe, war ich in Unternehmen aus den Bereichen Automobil-Zulieferer und der Baubranche tätig. Inhaltlich setzt sich mein Weg fort, einerseits mit meiner Verantwortung für Schüco als Unternehmen der Bauindustrie und für die OTTO FUCHS KG mit den Sparten Automotive, Aerospace und Industrial. Für beide Schwesterkonzerne bin ich persönlich haftender Gesellschafter.
In Bezug auf die Bauwirtschaft kann ich sagen: Die Verbindung von technischer Innovation und nachhaltigem Nutzen hat mich schon immer begeistert. Die Baubranche steht vor enormen Herausforderungen, darin liegen aber auch große Chancen: Innovationen in Technologien und Materialien, Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft bis hin zu Digitalisierung, Robotik und KI.
Was mich in meiner Rolle besonders motiviert, ist die Möglichkeit, gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden, Kunden und Partnern die Zukunft aktiv mitzugestalten. Schüco verbindet Technologie mit echter Relevanz für die Gesellschaft. Gebäude und Städte schaffen lebenswerte, sichere und gesunde Lebensräume. Wir leisten einen Beitrag dazu in über 90 Ländern der Welt.
neext: Wo sehen Sie aktuell den größten Transformationshebel der Bauwirtschaft: im Neubau, im Bestand oder in der Art, wie Gebäude geplant, betrieben und rückgebaut werden?
Engelhardt: Wenn ich die Bauwirtschaft weltweit betrachte, liegt der größte Transformationshebel im Bestand, vor allem in Europa. Der überwiegende Teil der Gebäude, die wir 2050 nutzen werden, steht bereits heute. Deshalb können die Klimaziele nur erreicht werden durch die Modernisierung, Dekarbonisierung und den Einsatz von kreislauffähigen Materialien in der Sanierung bestehender Gebäude. Aber auch bei der Planung von Neubauten muss zukunftsorientiert gedacht werden: Anpassungen an die Auswirkungen des Klimawandels, Quartiersplanungen inkl. Energie- und Verkehrskonzepten sowie die Kreislauffähigkeit der Baumaterialien müssen zusätzlich zu einer möglichst flexiblen, langfristigen Nutzbarkeit miteinfließen.
Aus meiner Sicht gewinnt daher der Lebenszyklusgedanke zunehmend an Bedeutung. Wer Langlebigkeit, Wirtschaftlichkeit und Ressourceneffizienz verbinden will, muss Planung, Bau, Betrieb und Wiederverwertung der verbauten Materialien gemeinsam betrachten. Genau dort liegt die größte Chance für unsere Branche in den kommenden Jahren. Daher arbeiten wir als Systemanbieter seit Langem daran, Lösungen und Services für den gesamten Lebenszyklus anzubieten. Für Deutschland sind wir diesbezüglich schon sehr breit aufgestellt, international bauen wir unser Angebot marktspezifisch kontinuierlich weiter aus.
neext: Die Sanierung bestehender Gebäude wird zunehmend als Schlüssel zur Bauwende gesehen. Welche Rolle spielt der Bestand für Schüco konkret und wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell die größten Hürden?
Engelhardt: Wenn wir über die Bauwende sprechen, dann führt an der Modernisierung bestehender Gebäude kein Weg vorbei. Genau deshalb ist dieses Thema für Schüco ein strategisches Zukunftsfeld.
Wir haben unsere Sanierungslösungen unter dem Begriff „Value Up“ zusammengefasst. Dabei geht es nicht nur darum, einzelne Bauteile auszutauschen, sondern den Wert und die Nutzbarkeit von Gebäuden langfristig zu erhalten – funktional, wirtschaftlich und auch im Hinblick auf Komfort und Sicherheit. Wir begleiten hierbei von Beratung und Bestandsanalyse über Planung und Fertigung bis hin zu Rückbau- und Recyclingkonzepten.
Die größten Hürden für Sanierungsentscheidungen sehen wir aktuell vor allem in drei Bereichen: Erstens ist eine Sanierung oft deutlich komplexer als ein Neubau, weil jedes Bestandsgebäude individuelle technische, bauliche und regulatorische Voraussetzungen mitbringt. Zweitens fehlen vielerorts noch ausreichend Planungssicherheit, standardisierte Prozesse und zum Teil auch die wirtschaftlichen Anreize, um Sanierungsmaßnahmen in die Umsetzung zu bringen. Drittens bleibt die Herausforderung, alle Beteiligten – von Investoren über Planer bis hin zu Verarbeitern – frühzeitig und integriert zusammenzubringen.
neext: Welche Rolle spielt die Fassade künftig nicht nur architektonisch, sondern als aktiver Bestandteil eines klimaneutralen Gebäudesystems?
Engelhardt: Die Fassade kann weit mehr sein als die äußere Hülle eines Gebäudes. Sie wird zu einem aktiven Bestandteil des klimaneutralen Gebäudesystems. Das heißt: Sie übernimmt nicht nur architektonische und gestalterische Funktionen, sondern trägt ganz konkret zur Energieeffizienz, zum Nutzerkomfort und zur CO₂-Reduktion bei.
Die Fassade entscheidet maßgeblich darüber, wie wirtschaftlich ein Gebäude im Betrieb ist, wie gut Tageslicht, Lüftung, Sonnenschutz, Heizung und Klimatisierung zusammenwirken und wie flexibel und langfristig ein Gebäude genutzt werden kann.
Genau darin liegt die Zukunft der Gebäudehülle: in leistungsfähigen, integrierten Systemen, die Gestaltung, Funktion, Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammenbringen.
neext: Wie ordnen Sie die Materialdebatte rund um Holz, Aluminium, Stahl und Beton ein und warum bleibt Aluminium für Schüco ein zentraler Werkstoff der Bauwende?
Engelhardt: Die Materialdebatte sollte nicht ideologisch, sondern ganzheitlich geführt werden. Es geht nicht um ein Entweder-oder zwischen Holz, Aluminium, Stahl oder Beton, sondern um den richtigen Werkstoff am richtigen Ort. Jedes Material hat spezifische Stärken – entscheidend sind am Ende die Anforderungen des jeweiligen Gebäudes, der Nutzung, der Lebensdauer und der Kreislauffähigkeit.
Aluminium bleibt für Schüco ein zentraler Werkstoff, weil es für die Gebäudehülle besondere Vorteile bietet: hohe Stabilität bei vergleichsweise geringem Gewicht, große gestalterische Freiheit, Langlebigkeit und vor allem eine sehr gute Recyclingfähigkeit. Gerade bei anspruchsvollen Fassaden-, Fenster oder Türsystemen spielt das eine zentrale Rolle. Wenn wir über die Bauwende sprechen, dann geht es ja nicht nur um die Errichtung, sondern um den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes – und genau dort ist Aluminium ein sehr leistungsfähiger Werkstoff. Es lässt sich beliebig oft wiederverwerten und besitzt auch als Recyclingmaterial die gleichen Eigenschaften wie Primäraluminium. Aus diesem Grund wird Altaluminium aus dem Rückbau auch mit dem Materialwert vergütet. Es hat also einen konkreten Wert für den Besitzer.
Für uns stellt sich nicht die Frage, welches Material „gut“ oder „schlecht“ ist, sondern wie wir Materialien intelligent einsetzen, ihre Vorteile nutzen und sie in zirkuläre Systeme überführen.
neext: Was muss passieren, damit Kreislaufwirtschaft in der Gebäudehülle im Projektalltag wirklich wirtschaftlich und skalierbar wird und welche Rolle spielen dabei Standards wie Cradle to Cradle?
Engelhardt: Kreislaufwirtschaft muss vom Sonderthema zum Standard im Projektgeschäft werden. Entscheidend sind planbare Prozesse, transparente Materialinformationen und Konstruktionen, die Rückbau, Trennung und Wiederverwendung von Anfang an mitdenken.
Für Investoren und Planer ist vor allem Verlässlichkeit wichtig: Welche Materialien werden eingesetzt, wie sind sie dokumentiert, wie können sie später im Kreislauf geführt werden und welchen wirtschaftlichen Wert behalten sie? Genau hier spielen Standards wie Cradle to Cradle eine wichtige Rolle. Sie schaffen Orientierung, Vergleichbarkeit und Vertrauen und helfen dabei, Zirkularität in konkrete Entscheidungen zu übersetzen.
Der eigentliche Hebel liegt aber darin, diese Standards mit digitalen Prozessen und industrieller Skalierung zu verbinden. Im Schüco-Kontext bedeutet das, die Gebäudehülle so zu entwickeln, dass Funktionalität und Kreislauffähigkeit zusammen gedacht werden. Wir haben schon 2016 mit ersten Cradle to Cradle Zertifizierungen angefangen und besitzen sie heute für ca. 95 Aluminiumsysteme.
neext: Welche Rolle spielt Digitalisierung etwa in Planung, Produktion, Betrieb oder Rückbau für die Transformation der Gebäudehülle?
Engelhardt: Digitalisierung ist für die Transformation der Gebäudehülle kein Zusatz, sondern eine Grundvoraussetzung. Nur wenn wir Planung, Fertigung, Montage, Betrieb und auch den Rückbau digital miteinander verbinden, können wir die notwendige Wirtschaftlichkeit, Qualität und Transparenz erzeugen.
Für uns ist das kein neues Thema. Bei Schüco Digital beschäftigen wir uns seit über 50 Jahren damit, Prozesse entlang des gesamten Lebenszyklus von Gebäuden zu vernetzen. In der Planung geht es darum, Daten früher und verlässlicher verfügbar zu machen, damit Planer schneller zu belastbaren Lösungen kommen. In der Produktion hilft Digitalisierung, Prozesse effizienter, präziser und wirtschaftlicher zu machen. Im Betrieb schafft sie die Basis für mehr Transparenz, bessere Wartung und langfristige Performance. Und mit Blick auf Rückbau und Kreislaufwirtschaft wird sie immer wichtiger, weil Materialinformationen und Bauteildaten künftig entscheidend dafür sind, wie zirkulär wir bauen können. Digitale Prozesse und Ansätze wie die Schüco IOF ID, über die der digitale Zwilling von jedem Bauteil erreichbar ist, tragen dazu bei, Informationen aus Planung, Ausführung und Betrieb besser zu verknüpfen. Im Rückbau stehen damit für das Recycling die Informationen über die enthaltenen Materialien direkt zur Verfügung. Digitalisierung ist heute in Neubau und Bestand eine zentrale Voraussetzung.
KI wird helfen, die Komplexität dabei deutlich besser zu beherrschen – etwa bei der Auswertung von Planungsdaten, der Optimierung von Prozessen oder der schnelleren Ableitung fundierter Entscheidungen. Gerade in einer Branche, die von vielen Schnittstellen und hoher Individualität geprägt ist, liegt hier ein enormer Hebel.
neext: Bedeutet Transformation für Schüco auch, sich vom klassischen Systemanbieter stärker zum ganzheitlichen Lösungs- und Transformationspartner der Bauwirtschaft zu entwickeln?
Engelhardt: Ja, absolut. Als Unternehmen mit 75-jähriger Historie gehören Veränderungen, vor allem auch Erweiterungen im Geschäftsmodell, zu unserer DNA. Schüco hat sich zu einem Anbieter entwickelt, der in allen Phasen des Gebäudelebenszyklus eines Gebäudes mit Beratung, Produktlösungen und Services unterstützt. Schüco bleibt natürlich in erster Linie Systemanbieter. Aber der Anspruch geht weiter: Wir wollen dazu beitragen, dass die Transformation wirtschaftlich, und nachhaltig gelingt. Dafür benötigen Kunden heute nicht nur leistungsfähige Systeme, sondern vor allem Orientierung, Services wie Wartung und Instandhaltung oder Konzepte zur Sanierung und Umnutzung.
Ein Beispiel: Die Themen Rückbau und Recycling decken wir über unser Tochterunternehmen RE:CORE ab. Hier erstellen wir projektspezifische Recyclingkonzepte und sorgen nach dem Rückbau dafür, dass die Materialien soweit möglich wieder dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden. Der Investor bekommt diese marktüblich vergütet und die Ressourcen werden wiederverwertet. Das war ein ganz neues Geschäftsfeld für Schüco.
neext: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was müsste passieren, damit die Transformation der Bau- und Immobilienbranche wirklich gelingt?
Engelhardt: Ich wünsche mir ein besseres Zusammenspiel aller am Bauen Beteiligten: Politik – auf den Ebenen von Bund, Ländern und Städten – mit Investoren, Planern, Industrie, Ausführenden. Die Herausforderungen sind bekannt: Dekarbonisierung, Sanierung, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung.
Die Transformation muss ökologisch richtig und gleichzeitig ökonomisch attraktiv sein. Denn sie wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie sich im Alltag auch rechnet – für alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette.
Konkret heißt das: Wir brauchen verlässliche politische Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungen, mehr Digitalisierung und wirtschaftliche, nachhaltige Lösungen für Neubau und Bestand.