Im Gespräch mit Hildegard Müller: Transformation, Wettbewerb und Europas Rolle

Ein Interview mit Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA)

Hildegard Müller ist seit dem 1. Februar 2020 Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Die studierte Betriebswirtin absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Dresdner Bank AG in Düsseldorf und war dort zuletzt als Abteilungsdirektorin tätig. Von 2002 bis 2008 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, zudem von 2005 bis 2008 Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin. Anschließend übernahm sie die Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Ab 2016 war sie Mitglied des Vorstands der innogy SE und verantwortete dort das Ressort Netz und Infrastruktur sowie die Koordination der Digitalisierungsprojekte. Mit ihrer Erfahrung an der Schnittstelle von Politik, Energie, Infrastruktur und Industrie steht Hildegard Müller heute wie kaum eine andere für die Frage, wie Wettbewerbsfähigkeit, Transformation und Zukunftssicherheit in Deutschland und Europa zusammen gedacht werden müssen.

D&S: Frau Müller, die Automobilindustrie steht wie kaum eine andere Branche im Spannungsfeld von Transformation, Wettbewerbsfähigkeit und geopolitischem Wandel. Was ist aus Ihrer Sicht jetzt die wichtigste Voraussetzung dafür, dass aus Transformation in Deutschland und Europa wieder ein echtes Zukunftsversprechen wird?

Hildegard Müller: Die Transformation sollte nicht isoliert betrachtet, sondern als gesamtwirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Gerade die Unternehmen der deutschen Automobilindustrie befinden sich seit Jahren in einem tiefgreifenden Wandel und investieren in erheblichem Umfang in die klimaneutrale und digitale Mobilität. Allein von 2026 bis 2030 sind es rund 320 Milliarden Euro, die in Forschung und Entwicklung gehen. Hinzu kommen weitere 220 Milliarden Euro in Sachinvestitionen, etwa in den Umbau von Werken. Damit diese Anstrengungen ihre volle Wirkung entfalten können, braucht es daher ein Umfeld, das Innovation nicht behindert, sondern gezielt ermöglicht. Entscheidend sind klare Signale aus Berlin und Brüssel, die Orientierung geben und Wachstum schaffen. Wenn das gelingt, kann aus der Transformation ein belastbares Zukunftsversprechen werden – getragen von der industriellen Stärke. Wichtig ist die Langfristigkeit dieser Signale. Denn Transformation ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein struktureller Wandel. Wenn Deutschland und Europa auch insgesamt wieder stärker werden wollen, müssen zudem Wachstum, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit konsequent in den Mittelpunkt der Industriepolitik gestellt werden. Nur so wird der Standort Deutschland und Europa mit seinen Rahmenbedingungen auch wieder attraktiv für Unternehmen und Investoren. 

D&S: Europa steht industriepolitisch unter Druck. Welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssen jetzt prioritär geschaffen werden, damit industrielle Transformation nicht ausgebremst, sondern beschleunigt wird?

Müller: Wir wollen die Erfolgsgeschichte unserer Industrie auch künftig weiterschreiben. Dafür braucht es verlässliche und international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Dazu zählen unter anderem wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Bürokratie, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren und spürbare Entlastungen bei Steuern und Abgaben. Und es braucht Handelsabkommen mit neuen Partnern. In den vergangenen Monaten ist man da zwar bereits vorangekommen, z.B. beim EU-Mercosur-Abkommen, mit dem EU-Indien-Abkommen und der Einigung zum Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und Australien. Künftig braucht es aber bei Handelsabkommen viel mehr Tempo und Pragmatismus. Wichtig ist auch ein verbesserter Zugang zu Rohstoffen, ganz besonders zu transformationskritischen Rohstoffen wie Lithium, Kobalt und Seltenen Erden. Uns allen muss bewusst sein, dass wirtschaftliche Stärke die Voraussetzung dafür ist, dass Deutschland und die EU ihre Rollen auf der globalen Bühne behaupten können. Klar ist auch, dass Deutschland und Europa nur mit einer erfolgreichen Transformation weltweites Vorbild werden können, dem andere Nationen nacheifern. Und nur dann kann Klimaschutz auch global gelingen.

D&S: Die Automobilindustrie ist für Deutschland und Europa weit mehr als nur eine Branche. Welche strategische Rolle spielt sie aus Ihrer Sicht für Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und industrielle Souveränität in den kommenden Jahren?

Müller: Kaum ein Industriezweig ist so international aufgestellt und zugleich so prägend für Wertschöpfung und Beschäftigung wie die Automobilindustrie. Genau darin liegt ihre strategische Rolle für Europas Wettbewerbsfähigkeit. Die Unternehmen schaffen Wohlstand und Arbeitsplätze in vielen Regionen: Allein in Deutschland sind rund 730.000 Menschen in der Automobilindustrie beschäftigt. Zugleich ist unsere Industrie auch Innovationstreiber, von klimaneutralen Antrieben bis hin zu vernetzter Mobilität. Damit steht die deutsche Automobilbranche exemplarisch für die Fähigkeit Europas, im globalen Wettbewerb technologisch führend und wirtschaftlich handlungsfähig zu bleiben. Das belegen auch Zahlen des Deutschen Patent- und Markenamts. Unter den Top 10 der Unternehmen mit den meist angemeldeten Patenten fanden sich im Jahr 2025 ausschließlich Firmen aus der Automobilindustrie. Das zeigt, dass unsere Unternehmen hochinnovativ und wettbewerbsfähig sind. Der Standort Deutschland allerdings hat in den letzten Jahren in hohem Maße an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verloren: hohe Energiepreise, überbordende Bürokratie und Regulierung, viel zu hohe Steuern und Abgaben, langsame Planungs- und Genehmigungsverfahren, eine marode Infrastruktur – die Liste der Probleme ließe sich fortführen und macht den Standort im internationalen Vergleich zu langsam und zu teuer. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob wir auch künftig Fahrzeuge entwickeln und produzieren – sondern wo. Für uns ist klar, dass das auch in Zukunft in Deutschland und Europa stattfinden soll. Dafür braucht es aber dringend bessere Rahmenbedingungen.

D&S: Transformation gelingt heute kaum noch im Alleingang. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht branchenübergreifende Ökosysteme und vertrauensvolle Netzwerke, um Innovation, Geschwindigkeit und Wettbewerbsfähigkeit in Europa zu stärken?

Müller: Längst geht es nicht mehr allein um das Fahrzeug, sondern um das Zusammenspiel zentraler Bereiche wie Energieversorgung, Infrastruktur und Digitalisierung. Die Transformation der Mobilität ist so komplex, dass sie nur gemeinsam gelingen kann. Branchenübergreifende Kooperationen gewinnen daher enorm an Bedeutung. Innovation entsteht zunehmend dort, wo unterschiedliche Sektoren zusammenkommen. Welche Form der Zusammenarbeit – ob Joint Venture, Beteiligung oder strategische Partnerschaft – jeweils die beste ist, muss jeder Akteur für sich entscheiden. Entscheidend ist, dass die Politik keine starren Regeln vorgibt. Neue Formen der Zusammenarbeit entstehen von selbst – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen. Insgesamt blicke ich – trotz aller Herausforderungen – optimistisch in die Zukunft. Die Unternehmen der deutschen Automobilindustrie stehen für technologische Exzellenz, Innovationskraft und eine starke industrielle Basis. Das ist die Grundlage für den Erfolg von morgen.