KI jenseits des Hypes: Fairness, Verantwortung und echte Praxisperspektiven

D&S: Vielleicht fangen wir damit an, dass du dich kurz vorstellst. Was ist dein Schwerpunktgebiet?

Alexandra Ulbricht: Ich bin Alexandra Ulbricht und seit zwölf Jahren bei Fujitsu. Ich habe als Trainee begonnen, war mehrere Jahre Data-Center-Spezialistin und bin später in die Defense-Branche gewechselt. Danach habe ich im Business Development integrierte Systeme und digitale Transformation betreut – zu einer Zeit, in der viele erstmals fragten: „Wir haben Daten – aber was machen wir damit?“
Nach 2,5 Jahren Teamleitung konnte ich eine Rolle übernehmen, die beides vereint, was ich liebe: auf Bühnen stehen und über Technologie sprechen. Heute bin ich AI Evangelist für die DACH-Region und verantworte das Thema KI strategisch. Der Großteil meines Jobs besteht aus Keynotes, Panels und Veranstaltungen zu KI – mit starkem Fokus auf Fairness, Ethik und Verantwortung.

D&S: Natürlich auch, um Bindungskraft zu Fujitsu zu erzeugen.

Ulbricht: Ja, aber mir geht es vor allem darum, auf Themen aufmerksam zu machen, über die im KI-Hype kaum gesprochen wird – Fairness, Ethik, Verantwortung. Viele wollen KI schnell implementieren und vergessen die ethische Dimension. Hier sehe ich meine Aufgabe.

D&S: Welche Themen bringen Deutschland oder Mitteleuropa bei KI in einen Nachteil?

Ulbricht: Regulierung ist Chance und Nachteil zugleich. Der EU AI Act ist wichtig, weil Europa Standards setzt, statt nur hinterherzulaufen. Aber er ist strenger als amerikanische oder chinesische Regelungen. Das hat Vorteile für Sicherheit, kann aber Wettbewerbsnachteile erzeugen. Trotzdem halte ich den europäischen Weg für richtig.

D&S: Wir hinken hinterher. Wie wettbewerbsfähig sind wir?

Ulbricht: Im Vergleich zu den USA sind wir weniger fortschrittlich, es fehlt an Förderung und großen KI-Firmen. Aber wir haben eine Vorreiterrolle bei Ethik und Nachhaltigkeit. Das hilft kurzfristig nicht im Wettbewerb, aber langfristig. Unternehmen, die in Vertrauen, Nachhaltigkeit und verantwortliche KI investieren, erarbeiten sich klare Differenzierungsvorteile.

D&S: Was erzeugt Resilienz in deutschen Unternehmen?

Ulbricht: Die wirtschaftliche Lage erschwert Investitionen. Viele haben aktuell nicht die Mittel, verantwortungsvolle KI sauber aufzubauen. Wer heute KI implementiert, spart später. Aber momentan fehlt vielen der Ressourcenwille, weil die wirtschaftliche Situation angespannt ist.

D&S: Mittelstand zwischen Transformation und Überleben – geht das zusammen?

Ulbricht: Sehr schwer. Viele kämpfen mit Kurzarbeit und Kündigungen und sollen gleichzeitig in KI investieren, um eine Vorreiterrolle einzunehmen. Das harmoniert kaum. Mein Appell: Unternehmen, die können, sollten jetzt investieren – kleine KI-Peer-Groups bilden, testen, lernen. Jenen, die derzeit Schwierigkeiten haben wünsche ich schnelle Besserung - auch, damit im Anschluss smart in Digitalisierung investiert werden kann.

D&S: Welche Rolle könnten Netzwerke oder Ökosysteme spielen?

Ulbricht: Eine enorme. Unternehmen sollten sich viel stärker vernetzen, vor allem wenn sie nicht in direkter Konkurrenz stehen. In Deutschland herrscht ein starker Konkurrenzgedanke, der Fortschritt verhindert. Man muss das Rad nicht neu erfinden. Wissenstransfer spart Ressourcen und beschleunigt Entwicklung. Das passiert in anderen Ländern häufiger.

D&S: Fujitsu hat starke japanische Wurzeln. Wie bringt ihr diesen Spirit nach Europa?

Ulbricht: Wir haben viele japanische Lösungen, die in Europa noch wenig bekannt sind, besonders im Ethics-Bereich. Um Wissen zu übertragen, haben wir ein europäisches Fujitsu Research Lab aufgebaut, das eng mit Japan vernetzt ist. Dort sitzen Ansprechpartner, die permanent im Austausch mit Japan stehen. Die Struktur ist hybrid, verteilt über mehrere Länder. Für uns im Vertrieb ist das eine enorme Entlastung.

D&S: Was macht ein gutes Netzwerk aus?

Ulbricht: Offenheit. Sobald ein oder zwei Personen Wettbewerbsdenken mitbringen, schadet das der ganzen Gruppe. Wichtig sind auch klare Themen, Struktur und Moderation, nicht ein wildes Durcheinander. Netzwerke können über Branchen funktionieren oder über gemeinsame Themen wie Rechenzentrum oder KI-Lösungen. Ohne Struktur bringt es niemandem etwas.

D&S: Wir bringen bewusst heterogene Branchen zusammen. Bei Rechenzentren wirkt vieles wie eine geschlossene Blase. Hilft mehr Input von außen?

Ulbricht: Absolut. Aus Homogenität entstehen weniger Ideen. Ich erlebe häufig, dass auf Konferenzen alle dieselbe Meinung vertreten, und niemand widerspricht. Das führt zu Frustration. Gerade bei KI-Agenten wird oft behauptet, der deutsche Mittelstand hätte schon alles automatisiert – was nicht stimmt. Hier brauchen wir bewusste Gegenperspektiven, und das ist Verantwortung der Organisierenden.

D&S: Greenwashing entsteht oft in homogenen Räumen. Wie verhindert ihr das?

Ulbricht: Wenn wir Kunden in unserem Anwenderverein zusammenbringen, ist oft niemand von Fujitsu dabei – keine Vertriebler, höchstens technische Ansprechpartner. So entstehen echte Gespräche über Probleme, nicht Höflichkeitsrunden. Moderatorinnen sollten kritische Punkte bewusst setzen, damit andere offen darüber sprechen.

D&S: Du wolltest zwei weitere Themen einbringen.

Ulbricht: Ja:

  1. Datenhoheit und Datensouveränität im KI-Zeitalter – reicht klassischer Datenschutz noch aus? Wie verhindern wir neue Abhängigkeiten?
  2. KI-Fairness – mein Lieblingsthema. Warum braucht es Leitplanken, Ethik und zusätzliche Regulierung?

D&S: Lass uns über Fairness sprechen. Wie wäre deine Proklamation?

Ulbricht: Fairness ist ein Muss, weil KI keine menschliche Feinheit kennt. KI lernt aus historischen Daten – und diese enthalten Diskriminierungen und Vorurteile. KI sucht Muster und überträgt sie auf aktuelle Fragestellungen. Damit skaliert und versteckt sie Diskriminierung. Deshalb müssen wir Bias aktiv entfernen und Transparenz schaffen. Das Bewusstsein ist der wichtigste Schritt. Ohne Fairness verlieren Menschen Vertrauen in KI.

D&S: Global betrachtet? Wie sieht es in Amerika aus?

Ulbricht: In den USA denkt man wenig darüber nach – das ist das Problem.

D&S: Wie starten wir eine globale Debatte?

Ulbricht: Responsible AI ist kein Hype-Thema. Niemand spricht gern über Datenschutz, Ethik oder Verzerrung. Aber Unternehmen müssen Tools einführen, die Bias erkennen, Transparenz schaffen und verantwortungsvolle KI ermöglichen. Diese Extrameile kostet mehr, aber ist notwendig.

D&S: Nachhaltigkeit kostet auch mehr – zahlt sich aber aus.

Ulbricht: Genau. Wenn wir mehr Entscheidungen an KI auslagern, müssen wir vorher die ethischen Grundlagen sauber bauen. Sonst gibt es keine Kontrollinstanz. Auch der EU AI Act wird Verstöße sanktionieren. Deshalb ist es besser, jetzt sauber zu arbeiten, statt später Vertrauen oder sogar Strafen zu riskieren.

D&S: Wer sind eure Zielgruppen?

Ulbricht: Alle Organisationen, die KI einführen wollen – nicht nur Sprachmodelle, sondern auch Agentensysteme oder Entscheidungs-KI. Also Unternehmen jeder Größe und Behörden. Bias ist überall relevant, wo Menschen durch Entscheidungen betroffen sind. Im Manufacturing selbst weniger, dort geht es eher um Maschinenoptimierung – aber in HR, Logistik, Kundendienst, Versicherung, Kreditvergabe etc. spielt Fairness eine zentrale Rolle.

D&S: Welche Branchen haben den größten Veränderungsdruck?

Ulbricht: Überall, wo Entscheidungen Menschen betreffen. Die öffentliche Hand, Versicherungen, Banken, Logistik, HR. Manufacturing nur dort, wo KI auf Menschen wirkt, nicht im Kern der Produktion.

D&S: Beim Thema Datensouveränität: Wie tauscht ihr euch europäisch aus?

Ulbricht: Wir arbeiten sehr gern mit europäischen Playern wie Ionos oder Mistral zusammen – souveräne, offene Modelle mit europäischen Trainingsdaten. Gemeinsam entwickeln wir Lösungen wie Private GPT, das On-Prem betrieben wird, unabhängig von US- oder China-Anbietern, mit europäischen Modellen und deutscher Software. Nur GPUs sind eine nötige Ausnahme. Unser Ökosystem ist so europäisch wie möglich.

D&S: Welche positive Botschaft gibst du unserer Community mit?

Ulbricht: Wir sollten uns nicht vor KI fürchten. Die größte Gefahr ist, Verantwortung an KI abzugeben, bevor sie verantwortungsvoll gebaut ist. Man muss ethische Aspekte von Anfang an mitdenken, damit KI Vertrauen schafft und wir später Aufgaben an sie abgeben können, ohne Risiken. Ziel ist nicht, Menschen zu ersetzen, sondern monotone Aufgaben abzugeben und den Job angenehmer zu machen.

D&S: Was wäre dein Wunsch an uns als Netzwerk?

Ulbricht: Jede:r nutzt irgendeine KI – oft ohne bewusst zu wählen. Ich wünsche mir, dass man seine KI-Entscheidung einmal überdenkt: Wo kommen die Daten her? Wie verantwortungsvoll ist das Modell? So wie früher: Nicht nur Google nutzen, sondern z. B. Ecosia. Wenn viele diese Reflexion machen, verändert sich etwas – ohne großen Aufwand.