Europa hat Kapital – jetzt muss es auch investiert werden
Ein Interview mit Monika Rosen-Philipp, Börsen- und Finanzmarktexpertin sowie ehemalige Chefanalystin der Bank Austria
Monika Rosen-Philipp ist Börsen- und Finanzmarktexpertin sowie ehemalige Chefanalystin der Bank Austria. Mit jahrzehntelanger Erfahrung an den internationalen Kapitalmärkten analysiert sie wirtschaftliche Trends, geopolitische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Unternehmen und Investitionen. Sie spricht über Wettbewerbsfähigkeit, globale Märkte und die wirtschaftlichen Perspektiven Europas.
neext: Die europäischen Kapitalmärkte stehen aktuell zwischen geopolitischen Unsicherheiten, schwachem Wirtschaftswachstum und einer sich verändernden Zinspolitik. Wie bewerten Sie die Attraktivität Europas aus Sicht internationaler Investoren im Vergleich zu den USA und Asien?
Monika Rosen-Philipp: Europa bleibt für internationale Investoren attraktiv, jedoch in einem anspruchsvollen Umfeld. Nach einer Phase der Diversifizierung weg von den USA – begünstigt durch hohe Bewertungsabschläge Europas – hat sich das Bild zuletzt wieder relativiert. Geopolitische Spannungen zeigen, dass die USA im Krisenfall weiterhin dominieren, was sich auch in Kapitalflüssen und einem stärkeren Dollar widerspiegelt. Gleichzeitig gewinnen asiatische Märkte im Tech- und Halbleiterbereich deutlich an Bedeutung. Europas geringerer Tech-Anteil gilt als Schwäche, könnte in Korrekturphasen aber stabilisierend wirken. Insgesamt punktet Europa mit einer breiteren Sektorstruktur, bleibt jedoch eng an die globalen Märkte gekoppelt.
neext: Die USA dominieren weiterhin die globalen Kapitalmärkte und ziehen einen Großteil der internationalen Investitionen an. Was muss Europa tun, um sich als gleichwertiger Wirtschafts- und Finanzstandort auf Augenhöhe zu positionieren?
Monika Rosen-Philipp: Europa muss vor allem seinen Technologiesektor stärken, um mit den USA und Asien mitzuhalten – insbesondere in Bereichen wie KI und Halbleiter. Unsere Stärke liegt in der breiten Wirtschaftsstruktur mit führenden Unternehmen in Industrie, Gesundheit und Maschinenbau, die langfristig Stabilität bietet. Was wir zudem brauchen sind effizientere Kapitalmärkte, weniger Regulierung und eine stärkere europäische Integration. Europa wird die USA kurzfristig nicht überholen, kann sich aber durch mehr Innovation und bessere Rahmenbedingungen als wettbewerbsfähiger Standort positionieren.
neext: Die Europäische Union verfolgt ambitionierte Ziele bei Transformation, Digitalisierung und Dekarbonisierung. Welche Rolle spielen die Kapitalmärkte bei der Finanzierung dieser Vorhaben, und sehen Sie ausreichend Investitionsbereitschaft seitens institutioneller und privater Anleger?
Monika Rosen-Philipp: Die Kapitalmärkte sind zentral für die Finanzierung der EU-Ziele, jedoch fehlen uns noch wichtige strukturelle Voraussetzungen. Trotz der Weckrufe durch Pandemie und Ukrainekrieg ist unklar, ob Europa ausreichend reagiert hat. Eine stärkere Kapitalmarktunion ist hierfür entscheidend, erfordert aber politisch heikle Souveränitätsabgaben. Grundsätzlich ist die Investitionsbereitschaft vorhanden, stößt aber, wenn es um gemeinsame Haftung und länderübergreifender Solidarität geht, an Grenzen.
neext: Welche Reformen halten Sie hierbei für besonders wichtig?
Monika Rosen-Philipp: Die Kapitalmarktunion ist zentral und deshalb wird Europas Kapital bislang nicht effizient genutzt. Dafür braucht es stärkere gemeinsame Regeln und Institutionen. Die Herausforderung liegt unteranderem in der stärkeren Integration der Mitgliedsstaaten und erfordert deren Bereitschaft, nationale Kompetenzen abzugeben – eine Frage, die bis heute offen ist.
neext: Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der USA – von Industrieprogrammen bis hin zu Handels- und Zollentscheidungen – haben direkte Auswirkungen auf die europäischen Börsen und Kapitalmärkte. Wie kann Europa seine finanzielle Souveränität stärken und gleichzeitig ein verlässlicher Partner der USA bleiben?
Monika Rosen-Philipp: Europa sollte seine finanzielle Souveränität vor allem durch den Ausbau eigener Stärken und Kapitalmärkte festigen, ohne dabei die transatlantische Partnerschaft infrage zu stellen. Entscheidend ist dabei ein „Bridge Building“-Ansatz: also Zusammenarbeit statt Konfrontation.
Gleichzeitig braucht Europa klare strategische Schwerpunkte – etwa in den Bereichen Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und ausgewogene Regulierung – und muss seine Kapitalmärkte so weiterentwickeln, dass mehr Wachstumskapital in Europa gebunden bleibt und innovative Unternehmen nicht in die USA abwandern. So kann Europa eigenständiger werden und sich im globalen Wettbewerb behaupten, während es zugleich ein verlässlicher Partner der USA bleibt.
neext: Höhere Finanzierungskosten erhöhen den Druck auf Investitionsentscheidungen, während gleichzeitig erheblicher Kapitalbedarf für Transformation, Digitalisierung und Infrastruktur besteht. Welche Risiken und Chancen ergeben sich daraus für Investoren, und in welchen Bereichen sehen Sie aktuell besonders attraktive Investitionsmöglichkeiten?
Monika Rosen-Philipp: Eine Herausforderung besteht darin, dass Aktienmärkte in Teilen noch immer mit Skepsis betrachtet werden und ihr Potenzial nicht voll ausgeschöpft wird.Entscheidend ist daher mehr Finanzbildung und ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung von Kapitalmarktinvestitionen – insbesondere auch mit Blick auf den zunehmenden Vermögensübergang, der ein breiteres Engagement aller Beteiligten bei finanziellen Entscheidungen erfordert.
Attraktive Investitionsmöglichkeiten ergeben sich vor allem in Bereichen mit strukturellem Kapitalbedarf wie Digitalisierung, Infrastruktur, Sicherheit sowie Altersvorsorge. Angesichts begrenzter staatlicher Mittel und wachsender Finanzierungslücken wird der Kapitalmarkt hier eine immer wichtigere Rolle für Investoren spielen.
neext: Angesichts steigender Ausgaben – etwa für Sicherheit, Transformation und Sozialleistungen – stellt sich die Frage: Woher soll das notwendige Kapital kommen und wie kann Europa seine Finanzierungsmöglichkeiten stärken?
Monika Rosen-Philipp: Die zentrale Herausforderung ist tatsächlich die Balance zwischen steigenden Ausgaben, für Sicherheit und dem Erhalt des Sozialstaats. Rückblickend könnte die „Friedensdividende“ nach dem Ende des Kalten Krieges wohl zu optimistisch eingeschätzt worden sein, während allerlei Bedrohungen unterschätzt wurden.
Europa verfügt über enormes privates Sparvermögen. Wenn es gelingt, auch nur einen Teil dieser Mittel stärker in den Kapitalmarkt zu lenken, könnte deutlich mehr Kapital mobilisiert werden. Dafür braucht es aber mehr Aufklärung und weniger Vorbehalte gegenüber Börse und Aktien. Langfristig ist eine stärkere Integration der Kapitalmärkte entscheidend – etwa durch größere, liquide Anleihemärkte oder gemeinsame europäische Instrumente. Hier liegt jedoch eine politische Hürde, die bislang nur schwer zu überwinden ist.
neext: Welche strukturellen Veränderungen sind erforderlich, damit Europa bei Unternehmensfinanzierungen und Börsengänge langfristig auf Augenhöhe mit den USA agieren kann?
Monika Rosen-Philipp: Es braucht vor allem mehr Harmonisierung, weniger Bürokratie und eine stärkere Vereinheitlichung von Aufsicht und technischen Systemen, um Kapitalmärkte effizienter zu machen. Ein zentrales Ziel sollte sein, dass wachstumsstarke Unternehmen und Start-ups nach ihrer Gründungsphase in Europa bleiben und hier Zugang zu Kapital finden – aktuell gehen viele dafür in die USA.
Neben den strukturellen Faktoren spielt aber auch die Mentalität eine wichtige Rolle. In den USA gibt es eine deutlich ausgeprägtere Risikokultur: Scheitern wird eher akzeptiert und als Teil des unternehmerischen Prozesses gesehen. In Europa hingegen wird Misserfolg oft stärker stigmatisiert. Um langfristig aufzuschließen, braucht es daher nicht nur regulatorische Verbesserungen, sondern auch einen stärkeren unternehmerischen Spirit und eine offenere Haltung gegenüber Risiko und Unternehmertum.
neext: Europa spricht zunehmend von strategischer Autonomie – etwa in Sicherheits- und Wirtschaftsfragen. Wie realistisch ist eine stärkere Unabhängigkeit von den USA, und welche Folgen hätte ein solcher Kurs?
Monika Rosen-Philipp: Eine stärkere Eigenständigkeit Europas ist grundsätzlich möglich, wird aber bisher nur begrenzt umgesetzt. Der Ukrainekrieg hat vor allem in der Sicherheitspolitik einen Umbruch ausgelöst. Gleichzeitig bleibt Europa aber stark vom amerikanischen Schutz abhängig. Mehr Unabhängigkeit würde auch mehr Selbstbewusstsein bedeuten – mit teilweise möglichen Spannungen im transatlantischen Verhältnis.