Die Zukunft der Industrie entsteht im Wandel
Ein Interview mit Carlo Lazzarini, CEO der PWO AG
Carlo Lazzarini ist CEO der PWO AG und produziert Metallkomponenten für die Automobilindustrie, insbesondere für Anwendungen in den Bereichen Sicherheit, Komfort und Elektrifizierung. Das international tätige Unternehmen setzt auf technologische Innovation, nachhaltige Produktion und globale Zusammenarbeit. Vorstandsvorsitzender Carlo Lazzarini spricht über Transformation, Wettbewerbsfähigkeit und die Zukunft industrieller Produktion.
neext: Die Automobilindustrie befindet sich aktuell in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Welche Entwicklungen prägen die Arbeit eines Automobilzulieferers wie PWO derzeit am stärksten?
Carlo Lazzarini: Die Elektrifizierung betrifft uns weniger stark als viele andere Zulieferer, weil wir nicht im klassischen Antriebsstranggeschäft tätig sind. Unsere Komponenten kommen in allen Antriebsformen zum Einsatz – ob Elektrofahrzeug, Verbrenner oder Wasserstoff. Stärker spüren wir geopolitische Veränderungen und die Auswirkungen auf globale Lieferketten. Deshalb haben wir unser Unternehmen bewusst resilient aufgestellt. Unser Prinzip lautet „local for local“: Unsere Standorte produzieren überwiegend für die jeweiligen regionalen Märkte. Das macht uns widerstandsfähiger gegenüber internationalen Verwerfungen.
neext: Welche Faktoren entscheiden heute darüber, ob ein Produktionsstandort langfristig wettbewerbsfähig bleibt?
Carlo Lazzarini: Wettbewerbsfähigkeit hängt heute stark von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Zehn unserer elf Standorte wachsen profitabel. Herausfordernd ist aktuell vor allem Deutschland – aufgrund hoher Energiepreise, steigender Lohnnebenkosten und zunehmender Bürokratie. Wenn Deutschland industriell wettbewerbsfähig bleiben will, braucht es schnellere politische Entscheidungen, niedrigere Unternehmenssteuern und bezahlbare Energie.
neext: Welche strategischen Prioritäten haben Sie für die PWO Group gesetzt?
Carlo Lazzarini: Wir verstehen Transformation als Chance. Unsere strategischen Schwerpunkte sind Innovation, Resilienz und regionale Nähe zum Kunden. Gemeinsam mit unseren Partnern entwickeln wir spezialisierte Leichtbaulösungen für zukünftige Fahrzeuggenerationen und stärken gleichzeitig unsere internationalen Strukturen.
neext: Wie verändert der aktuelle Wandel Führung und Unternehmenskultur?
Carlo Lazzarini: Industrieunternehmen werden deutlich internationaler. Heute arbeiten unsere Teams weltweit zusammen. Dafür braucht es eine werteorientierte Unternehmenskultur mit Vertrauen, Offenheit und einer funktionierenden Fehlerkultur. Gleichzeitig spielt der Purpose eine immer wichtigere Rolle. Unser Leitmotiv lautet „People. Planet. Progress.“ Nachhaltigkeit ist für uns fester Bestandteil der Unternehmensstrategie.
neext: Wie verbinden Sie Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit?
Carlo Lazzarini: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit sind kein Widerspruch. Wir haben unsere direkten CO₂-Emissionen bis 2023 gegenüber 2019 um zwei Drittel reduziert und unsere Ziele anschließend weiter verschärft. Dabei sehen wir weltweit großes Engagement in unseren Teams – etwa in Mexiko oder China. Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht nur Emissionsreduktion, sondern auch die aktive Mitgestaltung einer zukunftsfähigen Mobilität.
neext: Welche Veränderungen sehen Sie aktuell in der industriellen Produktion?
Carlo Lazzarini: Geschwindigkeit ist heute ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Unternehmen brauchen mehr Agilität und schnellere Entscheidungen. In einer dynamischen Welt reichen oft pragmatische Lösungen statt langwieriger Perfektion. Dafür braucht es Führungskräfte, die Verantwortung übernehmen und gleichzeitig eine Kultur schaffen, in der Lernen und Fehler möglich sind.
neext: Welche Möglichkeiten eröffnen digitale Technologien und KI für industrielle Fertigung?
Carlo Lazzarini: Digitale Technologien und KI schaffen enorme Potenziale für Effizienz, Transparenz und Geschwindigkeit. Datenbasierte Systeme helfen dabei, Produktionsprozesse präziser zu steuern und Entscheidungen schneller zu treffen. Gerade internationale Teams profitieren von dieser Dynamik und der Offenheit gegenüber neuen Technologien.
neext: Braucht Europa mehr Zusammenarbeit, um international wettbewerbsfähig zu bleiben?
Carlo Lazzarini: Europa verfügt mit dem Binnenmarkt über enorme wirtschaftliche Stärke. Entscheidend ist jetzt, wieder schneller und wettbewerbsfähiger zu werden. Dafür braucht es weniger Bürokratie, schnellere Entscheidungen und bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
neext: Welche konkreten Veränderungen wären dafür notwendig?
Carlo Lazzarini: Wir brauchen wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, niedrigere Sozialabgaben, bezahlbare Energie und insgesamt mehr Fokus auf Produktivität.
Deutschland muss wieder attraktiver für industrielle Wertschöpfung werden. Denn langfristig funktioniert Ökologie nur gemeinsam mit Ökonomie